Elea, Tochter Gottes - 7directions

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Elea, Tochter Gottes

Leseproben

Es machte einfach nur „Plopp". Keine Donner und Blitzen, kein Sturm wie zu einem Weltuntergang, kein strahlend helles Licht, keine Engelschöre, nichts.

Es machte einfach nur „Plopp" als Elea, die Tochter Gottes, auf die Erde kam.

Etwas verwirrt schaut sie sich um. Der Mann im blauen Anzug starrt sie unablässig an, aber sagt kein Wort. Es sieht aus wie der französische Präsident. Auch die anderen Menschen scheinen von ihrem Erscheinen wie erstarrt zu sein. Oder verzaubert?! Elea lächelt in sich hinein. So eine Erscheinung hat man ja auch nicht alle Tage. Sie will das Eis brechen und macht einen Schritt auf den Mann zu. Er rührt sich nicht.
 
Es dauert einen Moment, bis sie begreift, dass Gott sie inmitten eines Wachsfigurenkabinetts „materialisiert" hat. Richtig, sie ist in Paris, im bekannten Musée Grévin. Paris, Stadt der Liebe! Wie schön!
 
Elea schaut in einen der großen Wandspiegel.

So sehe ich also heute aus?! Hübsch, wirklich hübsch. Göttlich eben!' denkt sie selbstzufrieden
und nestelt ein wenig an ihrer Kleidung herum. Sie hatte sich für eine eng anliegende Jeans, schwarze Stiefel und ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck „Jesus lebt" entschieden. Ein bisschen Provokation zum Anfang kann nicht schaden. Den Blick nicht von den Spiegeln rundum abwendend bückt Elea sich und hebt die Jeansjacke auf, die zu Boden gefallen war. Als sie sie über das T-Shirt zieht dreht sie sich, immer wieder ihr Spiegelbild prüfend, mehrfach um sich.
Göttlich!' denkt sie noch einmal zufrieden und dann strafft sie ihren Körper.
Los geht's. Ich will keine Zeit verlieren. Jesus hat viel zu viel Zeit vertrödelt, den Fehler werde ich nicht machen. Ich werde mich gleich an die Richtigen wenden und nicht abspeisen lassen.'

Prüfend schaut sie sich nach einem Weg aus dem Museum um. Die beiden Männer, die dort auf einer Bank sitzen und jeder etwas aus Papier in der Hand halten, hat sich da nicht einer bewegt? Sie schaut noch einmal genauer hin und widersteht der Versuchung, die Spiegel hinter den beiden mit einem lauten Knall zerbersten zu lassen. Nur so zum Spaß. Sie hat sich fest vorgenommen, ihre göttlichen Kräfte nicht so sparsam einzusetzen, wie Jesus es getan hatte. Aber am Anfang will sie zu große Aufmerksamkeit vermeiden.
'Volle Ladung, voller Erfolg!' soll ihre Devise sein. Die Menschen haben zweitausend Jahre Zeit gehabt, sich weiter zu entwickeln. da kann es doch nicht so schwer sein, sie auf den richtigen Weg zu führen.

Lässig schreitet sie Richtung Ausgang durch die Ausstellung und nickt den leblosen Figuren freundlich zu. Mit jedem Schritt ihrer lederbesohlten Stiefel werfen die schwarzen und weißen Bodenfliesen ein lautes „Tack!“ an die verspiegelten Wände, die dieses Geräusch tapfer zurückwerfen. Es klingt wie ein kleiner Wettbewerb. Elea schreitet, das raumfüllende Geräusch sichtlich genießend, umher. Neben der Frau im schwarzen Abendkleid steht ein Mann im dunkelblauen Anzug und hält ihr ein Sektglas entgegen. Wirklich täuschend echt.
 
Elea nimmt ihm das Glas aus der Hand und nippt an dem Inhalt. Ein Champagner, sehr prickelnd. Sofort steigt ihr der ungewohnte Alkohol zu Kopf, der leicht rot zu leuchten beginnt. Und sofort bereut sie ihr privates kleines Wunder, Wachs in Champagner verwandelt zu haben. Sie braucht einen klaren Kopf für Ihr Vorhaben.
 
Elea bleibt abrupt stehen, das „Tack, Tack, Tack“ verstummt. Die Tochter Gottes dreht sich noch einmal um, winkt in die Stille hinein den stummen Figuren zu.
 
„Einer fehlt noch!“ sagt sie laut und schaut sich prüfend um. „Da!“ Sie zeigt mit dem ausgestreckten Finger in die Mitte des Foyers. Langsam quillt, wie aus dem Boden kommend, an vier Stellen eine graue Masse nach oben, wie vier kleine Säulen. Dann verbinden sich die Säulen in etwa 60 cm Höhe, nun nimmt die Gestalt langsam Form an. Es ist Nikolas, der Esel, auf dem Jesus aus Jerusalem geflohen ist. Auf ihm sitzt, wie nicht anders zu erwarten, ein freundlich lächelnder Jesus.
 
„Das sind sie dir schuldig, Brüderchen, mindestens!“ spricht Elea mit einem Blick nach oben.
 
Betont langsam dreht sie sich wieder um und schreitet durch die braune, schwere Holztür als wäre sie Nebel. Auf der anderen Seite umfängt sie die leicht stockige Luft einer Pariser Einkaufspassage. Rechts leuchten aus dem dunklen Braun eines Hotelfoyers zwei Tischlampen, der Empfang ist nicht besetzt. Es ist still.
Aus dem linken Gang kommt ein leichter Luftzug, geradeaus geht es eine Treppe hinunter zum Ausgang. Elea setzt sich in Bewegung, „Tack, Tack, Tack“. Sie schreitet langsam die Treppe hinab und neugierig an den Geschäften vorbei. Als sie die ersten Schritte aus der Passage nach draußen setzt, umfängt sie der typische Pariser Flair. Die Luft ist kalt, es stinkt, einige Motorräder bahnen sich hupend Ihren Weg durch die Straßen.

Es ist noch früh am Tag, der Himmel ist leicht wolkenverhangen, auf dem Gehweg sind nur wenige Menschen zu sehen, keiner nimmt Notiz von ihr. Nicht gerade der angemessene Empfang für die Tochter Gottes, aber wenn sie an Jesus denkt, im Stall, im feuchten Stroh, zwischen den Tieren... Pfui gittt... Nein, da hat sie es doch etwas besser getroffen.

Sie ist halt 'Papas Tochter'. Da hat der Alte sich diesmal halt etwas mehr ins Zeug gelegt. Und nun ist es an ihr, etwas daraus zu machen.

Wo wurde Jesus zuletzt gesehen? In Bielefeld.

Wäre es gut, dort weiterzumachen, wo er aufgehört hat? Nein!

Elea greift in die rechte Hosentasche, in der das Vat-iPhone steckt. Natürlich die Sonderausgabe in Gold. Und, im Gegensatz zu den Vat-iPhones der Priester, Pastoren und Bischöfe nicht vom Vatikan gehackt. Und es hat Vat-i, die künstliche Intelligenz mit der sonoren Stimme.

Keine Eingreifen, kein Blitz und Donner, keine Naturgewalten oder Schlachtopfer! Das war ihre Bedingung gewesen, als Gott sie auf die Erde geschickt hatte. Sie wollte ihre Freiheit. Er hatte Jesus lange genug herumgeschubst und gegängelt. Allein die Sache mit dem brennenden Dornbusch! Peinlich! Als einzige Verbindung "nach oben" hatte sie sich das goldene Vat-iPhone ausbedungen. Prepaid auf Lebenszeit, selbstverständlich.

„ICH BIN DA!"

Sie schickt ihre Message mit einem Lächeln ab und klappt das Handy wieder zu. Gott soll bloß nicht glauben, dass sie ihm ab jetzt für jeden Schritt Rechenschaft abgeben wird.

Wohin also? Zuerst einmal braucht sie eine Basis. Sie greift erneut nach dem Handy und lässt es elegant aufklappen.

„Vat-i, wo bin ich genau?"

"Sie befinden sich auf dem Planeten Erde, Erdteil Europa, Land Frankreich, Stadt Paris, 10 Boulevard Montmartre."

Elea schaut sich um. Paris, die Stadt der Liebe. Der erste Eindruck überwältigt sie nicht. Müll weht über den Gehsteig vor ihren Füßen. Mit einem leisen „puff“ geht die Mischung aus Plastiktüten und leeren Flaschen in Rauch auf. Niemand nimmt Notiz davon. Es weht ein lauer Wind, es riecht nach Staub.

„Okay, Vat-i. Ab jetzt nennst du mich Elea und duzt mich, verstanden?" Die unruhige Stimmung auf der Straße ist schon ein wenig auf Elea abgefärbt.

„Ich habe verstanden." Die Computerstimme antwortet sachlich und emotionslos. „Elea.“ schiebt sie dann noch schnell nach. Elea steckt das Vat-iPhone zurück in die Jeans.

Ein paar Meter entfernt prangt das Logo des Hard Rock Cafés. Das wäre die richtige Zeit und der richtige Ort, um eine Strategie zu entwickeln. Und danach in der Passage Jouffroy ein bisschen shoppen zu gehen. Oh ja, der Tag fängt doch gut an!

und etwas später...
Claudio nickt, nicht überzeugt, aber um das Thema vorerst abzuschließen. Hand in Hand gehen beide am Strand entlang auf den Steg zu. Eleas Hand fühlt sich warm an in seiner, irgendetwas scheint von ihr auf ihn hinüberzuströmen. Ob er verliebt ist?
 
Unvermittelt bleibt Elea stehen. „Sag mal, ist das alles eigentlich selbstverständlich für dich?“
 
„Nein, Elea, nein. Es war wundervoll. Ich habe noch nie so eine Frau geliebt wie dich gerade.“ Er drückt fest Eleas Hand und will sie zu sich ziehen. Elea aber wehrt ab.
 
„Das meine ich gar nicht. Natürlich war ich wundervoll! Aber das meine ich nicht. Schau dich doch mal um.“
 
Claudio weiß nicht, was Elea von ihm erwartet und schaut sich folgsam um. Mit der rechten Hand schützt er seine Augen vor dem Licht der untergehenden Sonne.
 
„Und? Was siehst du?“
 
„Äh, nichts… Nur Sand und Meer. Und die Sonne. Und ein paar Menschen. Und, ah! Da hinten ein Schiff, meinst du das?“
 
„Ihr seid unmöglich! Seid ihr alle Menschen so? Wiederhole, was du gerade gesagt hast!“
 
Irritiert nickt Claudio, dann sagt er brav: „Ich sehe den Sand und das Meer…“
 
„Stopp! Und? Wie ist das für dich? Was fühlst du?“
 
„Nichts! Das ist eben da. Das war schon immer da. Seit Jahrmillionen. Da ist nichts Besonderes dran.“
 
„Ich glaube das einfach nicht! Komm, setz dich zu mir.“ Beide nehmen im Sand Platz. Elea steckt Claudios Hand in den Sand. „Fühle!“
 
Er lässt den feuchten Sand durch die Finger rinnen und kommt sich ziemlich dämlich dabei vor, aber langsam versteht Claudio, was Elea meint. Er sitzt hier mitten auf einer riesigen flüssigen Kugel, die mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch das Weltall rast. Aber diese Kugel seine Heimat. Die Heimat von Milliarden von Menschen, Tieren, Pflanzen. Sie bietet festen Boden, hat ausreichend Wasser, alles umhüllt von atembarer Luft. SO hat er seine Umgebung noch nie wahrgenommen. Bislang hat er alles immer als selbstverständlich genommen. Aber das ist es nicht. Es ist ein Wunder! Alles, wohin er schaut, ist ein kleines Wunder.
 
„Schöpfung!“ Elea küsst ihn aus seinen Gedanken. „Wir nennen es Schöpfung!“
 
„Ach, du meinst die Geschichte mit Adam und Eva und so? Vertrieben aus dem Paradies wegen einem Apfel? Das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“
 
„Natürlich nicht!“ Elea nimmt eine Hand voll Sand und wirft sie spielerisch in Claudios Richtung. „So war es nun wirklich nicht. Und, jetzt sei doch mal ehrlich, glaubst du, das alles…“ sie macht mit der rechten Hand eine alles umfassende Geste „… dies alles wäre in einer Woche zu schaffen gewesen? Selbst für einen Gott?!“
 
„Wieso nicht? Ein Gott ist doch allmächtig, oder?“ Er schaut sie fragend an.
 
„All-mächtig, ja, das trifft es schon. Aber das All ist groß, und alles muss zusammenpassen. Der Sand darf sich nicht im Wasser auflösen, muss mal hart, mal aber auch fließfähig sein. Das Wasser muss regelmäßig an den Strand spülen, damit er nicht austrocknet. Dafür braucht es einen Mond, der muss ausreichend groß sein, damit er Ebbe und Flut bewirken kann, aber nicht zu groß…“

„Moment!“ Claudio fällt Elea ins Wort. „Der Mond, das weiß ich genau, ist aus der Erde selbst entstanden, nach einer unvorstellbaren Kollision mit einem Meteoriten. Das habe ich im Fernsehen gesehen, jawohl!“
 
„Oh, das ist ja interessant!“ Elea antwortet schnippisch. „War das eine Live-Übertragung oder hatten die damals schon Fernsehkameras, die alles gefilmt haben?“
 
„Du machst dich über mich lustig.“ Claudio ist verstimmt und schubst Elea in den Sand. „Du weist genau, dass das alles nur Animation ist. Aber Wissenschaftler haben das herausgefunden, dass das vor vielen Tausenden Jahren so passiert ist.“
 
„Und, mein lieber Claudio,“ Elea nimmt seinen Kopf in beide Hände und schaut ihm tief in die Augen, „was meinst du, WER das gemacht hat? Oder glaubst du, das war Zufall?“
 
Claudio hält ihrem Blick stand. „Also, erst mal ja! Das war Zufall. Und wenn das nicht passiert wäre, dann hätten wir eben keinen Mond. Wäre auch zu verkraften.“
 
Elea lässt ihre Hände fallen und stupst Claudio sanft zurück. „Wenn das nicht passiert wäre, dann wäre nicht nur der Mond nicht da. Dann wäre vieles Anderes auch nicht da, das Wasser, die Luft, und du!“ Sie bohrt ihm ihren Zeigefinger in seine Brust. Claudio dreht ihre Hand mit Leichtigkeit um, so dass Eleas Zeigefinger jetzt auf sie selbst zeigt. „Und DU auch nicht!“
 
Die Tochter Gottes lacht laut auf. Dann sagt sie leise: „Oh doch!“
 
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